Mit Elan und Fachverstand - Dr. Lothar Kalbe zum 75. Geburtstag

Wenn Lothar Kalbe zu erzählen beginnt, kann man sich entweder auf eine spannende Geschichte aus seinem ereignisreichen Leben oder einen fundierten Beitrag zu verschiedenen wissenschaftlichen Themen einstellen. Egal worüber er spricht, die Aufmerksamkeit der Zuhörer ist ihm gewiss. Lothar Kalbe feierte am 09. April 2010 in Stücken gemeinsam mit Freunden und Bekannten seinen 75. Geburtstag. So manch ein Geburtstagsgast musste angesichts der Zahl "75" ungläubig nachfragen. Man nimmt ihm dieses Alter wirklich nicht ab. Weder klagt er darüber noch zeigt er irgendwelche Eigenarten, die sonst vielen seiner Altersgenossen eigen sind. Nein - ganz im Gegenteil, Lothar Kalbe macht vielen von uns Jüngern noch etwas vor. Sei es, dass er früh morgens bei Frost nur mit Wanderstiefeln durch die nasse und z. T. noch vereiste Verlandungszone des Blankensee stapft um zu einem Beobachtungsturm zu gelangen, oder bei glühender Hitze schnellen Schrittes über die einsame Weite eines sandigen Truppenübungsplatzes nach Wiedehopfen sucht und dabei von einer Fotofalle für Wölfe gestellt wird.

Lothar Kalbe, der seit vielen Jahren die vogelkundliche und limnologische Wissenschaftslandschaft in Brandenburg prägt, ist ursprünglich Sachse. Genauer gesagt ist Lothar in Leipzig geboren. Leipzig und seine Umgebung boten ihm bereits in früher Jugend erste Möglichkeiten die Vogelwelt kennenzulernen. Seine erste ornithologische Exkursion führte er 1949 mit gerade mal 14 Jahren im wunderbaren Leipziger Auwald durch. Dann gab ihm die ornithologische Fachgruppe Leipzigs Ansporn, sich intensiver mit der Vogelkunde zu beschäftigen. Hier lernte er renommierte Ornithologen wie Heinrich Dathe, Robert Gerber, Kurt Größler, Wolfgang Grummt und Gottfried Mauersberger kennen. Eine Zeit, in der man mehr von gestandenen Fachleuten als aus Büchern lernte, da die Fachliteratur noch nicht so reich gesät war. Viele der Exkursionen führten damals in die Haselbacher Teiche oder an die Mulde. Auch trieb Lothar so manchen Schabernack mit den "alten Hasen" wenn er z. B. sich im Schilf versteckend den Ruf der Kleinen Ralle imitierte, während die vorbeiziehenden Fachleute den "Schwindel" nicht merkten.

In Leipzig studierte Lothar natürlich Biologie in der Fachrichtung Trink-, Brauch- und Abwasserbiologie und verfasste dann eine Diplomarbeit über die Verbreitung und Ökologie der Wirbeltiere in stillgelegten Braunkohlegruben. Der studierten Fachrichtung blieb Lothar Kalbe dann auch beruflich treu. Zunächst arbeitete er zwischen 1958 und 1980 in der Wasserwirtschaftsdirektion Havel in Potsdam, anschließend nahm Lothar eine Abteilungsleiterstelle im Bezirks-Hygiene-Institut in Potsdam an. Wie ein roter Faden zieht sich die Beschäftigung mit der Wasserqualität und auch dem Zustand von Seen und Feuchtgebieten durch sein Leben. Da lag es nahe, über die "Ökologie und Saprobiewert von Hirudineen (Blutegeln) im Havelland" zu promovieren. Mit der anschließenden Habilitationsarbeit zum Thema: "Nährstoff- und Produktionsverhältnisse in hocheutrophen Flachseen" zeigte er ein weiteres Mal sein breit angelegtes limnologisches und ökologisches Fachwissen und sein Verständnis der Landschaft als Ergebnis vielfältiger, miteinander verzahnter Prozesse, in die Tiere und Pflanzen eingebettet sind. Immer ist es eine Freude und Bereicherung, mit Lothar über ökologische Probleme zu diskutieren, da es ihm oft gelingt, interessante und maßgebliche Aspekte abzuleiten und nie den Blick fürs Ganze zu verlieren. Zu vielen Themen der Naturwissenschaften ist Lothar ein gefragter Gesprächspartner. Sein profundes Wissen erwarb er sich auch schon in der DDR-Zeit durch einen regen Austausch mit Wissenschaftlern aus der sogenannten "Nicht sozialistischen Welt" (NSW), was damals nicht immer ganz ungefährlich war. Doch wenn Lothar Kalbe eine Eigenschaft besonders auszeichnet, dann ist es seine Geradlinigkeit, mit der er sich auch in der DDR nicht verbiegen ließ und so manch offenes Wort oder fachliche Einschätzung zu widersinnigen Projekten der sozialistischen Planwirtschaft wie z. B. an der Unteren Havel eingebracht hat. Seine Erfahrungen in der Abwasserbiologie verhalfen ihm auch zu einem Aufenthalt in Ägypten als Entwicklungshelfer für den Aufbau eines Klärwerkes.

Wasservögel haben es Lothar Kalbe besonders angetan. Diese Leidenschaft teilte er u. a. auch mit dem ebenfalls bekannten Vogelkundler und Ökologen Erich Rutschke. Beide verband eine lebenslange Freundschaft, aus der viele gemeinsame Projekte, Reisen und Ideen entstammen.

Überliefert ist die Begebenheit einer gemeinsamen Morgenexkursion mit dem legendären "Trabi-Kübel" ins Rhinluch zur Birkhahnbalz. Im Morgennebel hatten sich mehrere Birkhähne zur Balz versammelt. Das mehrfach vergebliche Betätigen des Anlassers erzeugte ein Geräusch, was die Birkhähne sehr erregte und jede Scheu vergessen ließ. Ein Birkhahn setzte sich mit Eifer auf das Trabidach um den vermeintlichen Rivalen zu beeindrucken. Ein Anblick, der heute leider nicht mehr möglich wäre. Beide waren in den 1960er Jahren maßgebliche Begründer der Wasservogelforschung und -zählung in der DDR. Gern illustriert Lothar seine Publikationen selbst und auch das Logo der Wasservogelforschung, die beiden Schellenten, stammt aus seiner Feder. Weiteres Ergebnis der Zusammenarbeit mit Rutschke war die Ausweisung der Feuchtgebiete internationaler Bedeutung (RAMSAR-Konvention) bei der die DDR im Ostblock sogar eine Vorreiterrolle inne hatte.

Von 1991 bis zum Jahr 2000 leitete Lothar Kalbe im Landesumweltamt Brandenburg die Abteilung Hauptlabor und baute später daraus die Abteilung Ökologie und Umweltanalytik auf. Sein Ansatz war es, die vielen sektoralen Fachbereiche zum gemeinsamen fachübergreifenden Denken und Handeln zu bewegen, was unter alteingesessenen Wasserwirtschaftlern, Bodenkundlern und den Naturschützern nicht immer leicht war. Dafür gründete er innerhalb des Amtes als Plattform eine Arbeitsgruppe für ökologische Grundsatz- und Querschnittsangelegenheiten. Manchen Mitarbeitern waren die oft unkonventionellen Ideen und weiter reichenden Ansätze von Lothar nicht geheuer. Doch verstand es Lothar vielfach, auch gestandene Fachexperten von seinen Ideen zu überzeugen, so dass er sich als Fachmann allgemeine Achtung in allen Fachbereichen erwarb. Während dieser Zeit gab er auch Vorlesungen an der Universität Potsdam über Limnologie, die Grundlage für das gleichnamige Lehrbuch waren. Bei den Studenten waren die kurzweiligen Vorlesungen sehr beliebt. Weiterhin rief er mit den sogenannten "Ökologietagen" eine große fachübergreifende Tagungsreihe ins Leben, in der aktuelle Themen wie z. B. die sinkenden Grundwasserstände in Brandenburg diskutiert wurden.

Lothar Kalbe steckt voller Ideen, wie man die Vogelkunde, die Ökologie und den Naturschutz voranbringen kann. So war er im Jahr 2000 Mitbegründer des Fördervereins für Wasservogelökologie und Feuchtgebietsschutz, dessen Anliegen es war, die seit der DDR aufgebaute und gut organisierte Wasservogelzählung zu erhalten und deren Daten sinnvoll auszuwerten und auch den Lebensraum der Wasservögel, die Feuchtgebiete, zu erhalten. Seit den 1960er Jahren hat es ihm die Nuthe-Nieplitz-Niederung besonders angetan. Hier beobachtete und erfasste er den Wandel der Vogelwelt aber auch die Veränderungen in den Seeökosystemen und in der Landnutzung. Was ihn besorgte, war das verschwinden sensibler Arten wie Brachvogel und Uferschnepfe. Für Lothar Kalbe sind das Zeichen, das etwas mit der Landschaft nicht stimmt. Vor allem der Blankensee ist eng mit seinem Namen verbunden. Schon damals warnte er vor den Folgen der intensiven Freilandhaltung von Enten auf dem Grössinsee und bis heute engagiert er sich für hohe Wasserstandshaltung, Moorschutz und andere Themen. Die Liebe zu dieser Landschaft machte ihm und seiner Frau die Entscheidung leicht, aus der Großstadt Potsdam aufs Land nach Stücken in die Nuthe-Nieplitz-Niederung zu ziehen. Als Mitglied im Fördeverein Nuthe-Nieplitz-Niederung gründete er 1997 die Arbeitsgruppe Ornithologie und gibt ihr als Leiter bis heute wichtige Impulse und Inhalte. Seither engagieren sich über 20 aktive Ornithologen bei der Zählung von Wasservögeln, der Erfassung von Rohrsänger und anderen Vogelgruppen oder der Ausbringung von Waldohreulennisthilfen. Lothar hat früh begonnen, eine Datenbank mit allen Beobachtungen aufbauen zu lassen und motiviert und unterstützt uns anderen Ornithologen bei der Auswertung und Veröffentlichung der Daten. Vielen von uns ist er ein Vorbild und großer Motivator. Schließlich ehrte Ihn der Vorstand des Fördervereins zu seinem 75. Geburtstag mit der Ehrenmitgliedschaft und benannte sogar einen Beobachtungsturm ihm zu Ehren.

Lieber Lothar, wir wünschen Dir noch viele schöne Erlebnisse und Beobachtungen bei guter Gesundheit und uns noch für viele Jahre einen engagierten und mitreißenden Menschen an unserer Seite.

Dr. Lukas Landgraf